Wie ernähren wir die Welt in 20 Jahren? Eine Aufgabe ohne Patentrezept, aber mit vielen kleinen Lösungen

Foto: Müslischale @Lebensmittel-Cluster
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Foto: Ao. Univ.Prof. Dr. Siegfried Pöchtrager & DIin Julia Anna Jungmair, BA, BEd
Foto: Ao. Univ.Prof. Dr. Siegfried Pöchtrager & DIin Julia Anna Jungmair, BA, BEd

29.01.2018

„Hunger beenden, Lebensmittelsicherheit und verbesserte Ernährung erreichen, eine nachhaltige Landwirtschaft fördern“. Als das zweite der insgesamt 17, thematisch sehr breit aufgestellten Sustainable Development Goals (SDGs), haben es sich 193 Staaten zur Aufgabe gemacht, unser derzeitiges System widerstandsfähiger zu machen; ein Mehr an Resilienz, unter Berücksichtigung der drei Dimensionen nachhaltiger Entwicklung (ökologisch, ökonomisch, sozial) ist das ambitionierte Ziel. 
Doch verlassen wir erstmal diese eher technische Ebene und richten unseren Blick auf die Bevölkerungsentwicklung.  

Europa schrumpft und wird älter. Die Geburtenraten sowie die Zahl der Zu- & Abwanderer sind dabei die größten Unsicherheitsfaktoren. Sicher ist hingegen die zunehmende Alterung der Bevölkerung. Die „neuen Alten“ (über 50-jährige Menschen) haben Zeit und Geld, wünschen sich sozialen Austausch und legen Wert auf Genuss. Bis 2050 werden global 10 Milliarden Menschen versorgt werden müssen. Mit einer wachsenden & sich in ihrer Altersstruktur verändernden Gesellschaft wächst auch der Bedarf an hochwertigen Lebensmitteln und der Anspruch an die Ernährung der Zukunft: 
Unregelmäßige Arbeitszeiten und freiberufliche Tätigkeiten tragen dazu bei, dass der Alltag seine festgelegten Strukturen verliert und Mahlzeiten unregelmäßig eingenommen werden. Wer seine Ernährung nicht planen kann oder will und wenig Zeit fürs Essen hat, kauft tendenziell ein, was er im Moment gerade braucht. Das Leben konzentriert sich weit stärker als früher auf spontane Bedürfnisse, die durch Apps (Mobile Shopping) befriedigt werden und damit die langfristige Planung ersetzen. Die Folge: Es wird mehr kalt gegessen, Convenience, Snacking und Fast Food gewinnen an Bedeutung, Ernährungsdefizite steigen. 
Auf Sortimentsebene führen diese Trends zu einer verstärkten Nachfrage an ausgewogenen Convenience-Produkten. Flexible Formate, die den entstrukturierten KonsumentInnen entgegenkommen sind dabei klar im Vorteil. Dies betrifft auch die, durch den langfristig wirksamen Ölpreis teurer werdende Mobilität: Der Bedarf an optimierten logistischen Lösungen bis zu den KonsumentInnen steigt (Online-Shopping, flexible Abholorte, Lieferservices, Click and Collect). 
Um die wachsende Weltbevölkerung ausreichend zu ernähren, müsste die landwirtschaftliche Produktion laut Schätzungen der FAO global betrachtet um 50 % gesteigert werden. Dabei bietet die Produktionssteigerung nur einen, von einer Reihe an gangbaren Wegen der Zukunft. Denn Ernährungssicherheit setzt einen ganzheitlichen Ansatz voraus. So müsste etwa die Verteilung der verfügbaren Ressourcen als auch die Verfügbarkeit effizienter Technologien mitgedacht werden. 
Wenden wir daher unseren Blick auf die Landwirtschaft des 21. Jahrhunderts: 

Mit Smart Farming und Digitalisierung gewinnen wir aus rationalisierten Monokulturen & Hybridpflanzen große Mengen an Agrarrohstoffen und Fleisch. Durch einen gewaltigen technischen Aufwand schafft die industrialisierte Landwirtschaft jene Vielfalt, die wir aus dem Lebensmitteleinzelhandel kennen. Kleinstrukturierte Familienbetriebe als Rückgrat der globalen Nahrungsmittelproduktion und als Schlüssel zu geschlossenen, effizienten Produktions- und Ernährungssystemen (Kreislaufwirtschaft) müssen in diesem System ebenso ihren Platz finden. 
Denn wie auch in der Wirtschaft die Vielfältigkeit über die Resilienz eines Unternehmens entscheidet, steht und fällt auch die Resilienz der weltweiten Ernährungssicherheit mit einem generationenübergreifenden und gerechten Balanceakt zwischen ökonomischen, ökologischen und sozialen Strukturen; kleinstrukturierte Familienbetriebe sind dabei ebenso Teil dieser globalen Vielfalt wie der nachhaltige Umgang mit Biodiversität.
Intuitiv wissen wir: „Lebensmittel sind kostbar“! 
Trotzdem werden von den jährlich 4 Milliarden Tonnen erzeugten Lebensmitteln 2,3 Milliarden weggeworfen. Mehr als die Hälfte landen im Müll. Das ist Faktum. Würden die Lebensmittelpreise um 10 bis 15 % steigen, hätte dies umgehend eine Reduktion der Lebensmittelabfälle um 20 bis 25 % zur Folge. Das Problem lässt sich demnach mit einem alten Sprichwort benennen: „Was nix kost‘, is nix wert!“ Doch das allein ist nur die halbe Wahrheit: Durch eine verbesserte Verteilung und die Zurverfügungstellung der teils hoch entwickelten Technologien in ärmeren Regionen, könnte die Landwirtschaft unterschiedlichen Schätzungen zufolge zwischen 10 und 14 Milliarden Menschen ernähren. Die globale Agrarproduktion liegt damit deutlich über dem Bevölkerungswachstum. Demnach sind Lebensmittel zwar ausreichend verfügbar, jedoch mengenmäßig ungerecht verteilt. Hinzu kommt, dass nicht alle Menschen über die gleichen Chancen verfügen, „mündige“ Kaufentscheidung zu treffen – sei es aus finanziellen, oder auf das soziale Umfeld zurückzuführenden Gründen. So ist es beispielsweise kein Geheimnis, dass Adipositas (Fettleibigkeit) in der westlichen Welt ein Gesicht der Armut ist. Und dennoch müssen in diesem Zusammenhang auch immer kulturelle Aspekte eines Landes berücksichtigt werden. Betrifft Adipositas in Österreich primär finanziell schwächer gestellte Bevölkerungsgruppen, ist sie in Asien ein sichtbares Zeichen von Wohlstand. In diesem Zusammenhang muss auch klar betont werden, dass reiche Länder eine klare Verantwortung für weniger reiche Länder tragen & sich ihrer Vorbildfunktion, beispielsweise hinsichtlich des Fleischkonsums, bewusst sein sollten. Jedenfalls lassen sich der aktuelle Fleischkonsum des Westens und nachhaltige Landwirtschaft langfristig nicht vereinbaren. 
Stichwort Fleischkonsum: 
Es wird in Zukunft nicht möglich sein, die Bevölkerung dauerhaft mit tierischem Eiweiß zu versorgen. Pflanzliche Eiweißquellen können hier eine Alternative und auch regional durch die Versorgung mit beispielsweise Hülsenfrüchten eine Reihe an Möglichkeiten bieten. Microsoft Gründer Bill Gates geht sogar so weit und meint: „The future of food is vegan!“ 
Doch alles der Reihe nach: Der Fleischersatz aus Seitan (Weizeneiweiß), Soja oder Erbsenprotein erreicht nur selten die bissfeste Konsistenz von Fleisch. Sojaschrot steht bei ernährungsbewussten KonsumentInnenen zudem in Kritik, da es wegen seiner chemischen Aufbereitung durch Hexan als industriell verarbeitetes Lebensmittel gilt. Seitan kommt bei Glutenunverträglichkeit wiederum nicht in Frage. Zudem scheuen viele Flexitarier (Menschen, die versuchen, bewusst weniger tierische Produkte zu essen) den Griff zu veganen Convenience-Produkten, da sie durch Zutaten wie Palmöl, Kokosfett oder exotischem Superfood erschreckend negative Klimabilanzen aufweisen.
Neue Lösungen sind also gefragt!
Lösungen, wie beispielsweise das Internet of Food: Ein Zusammenschluss der Lebensmittel- & Technologiebranche, um den Herausforderungen der Zukunft - Urbanisierung, Food Waste, Klimawandel, Agrarflächennutzung (Vertical Farming) und Fehlernährung – zu begegnen. Das in Silicon Valley angesiedelte Unternehmen Impossible Food sei an dieser Stelle als Beispiel angeführt. Es entwickelte einen, sensorisch nicht von einem echten Fleischburger zu unterscheidenden Pflanzenburger – den „Impossible Burger“. 
Auf der anderen Seite des Globus, im asiatischen Raum, gibt es noch eine weitere, eher unbekannte Alternative: Austernpilze. Die Konsistenz erinnert an Fleisch, die Zucht ist vergleichsweise kostengünstig. Der österreichische Fleischermeister Hermann Neuburger, bekannt für den gleichnamigen Leberkäse (der nicht so genannt werden will), und sein Sohn Thomas machen diese Alternative jetzt in ihrer innovativen Premium-Produktlinie „Hermann Fleischlos“ auch für den österreichischen Markt verfügbar. 
Durch die Verwendung von Kräuter-Seitlingen aus Oberösterreich greifen sie damit einen weiteren Trend auf: die regionale Herkunft der Produkte. Denn Regionalität steht bei der Kaufentscheidung sogar über Bio-Qualität. Die Gründe dafür sind einfach: Wir verbinden Regionalität mit Qualität, Frische, Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Darüber hinaus bedeutet Regionalität Vertrauen, Nähe und Unterstützung der heimischen Produktion. Für all das sind wir KonsumentInnen auch bereit, einen höheren Preis zu zahlen. 

Dieser kurze Auszug aus der komplexen Welt der Lebensmittelversorgung zeigt: 
DIE Lösung für die Herausforderungen der Zukunft gibt es wohl nicht, sondern vielmehr unterschiedliche Ansätze, die je nach individuellen Lebensumständen und Wertehaltungen bewusst gewählt werden können. Möglicherweise bietet uns auch Kant mit seinem kategorischen Imperativ einen Ansatz: „Handle so, dass du zeitgleich wollen kannst, dass diese Handlung ein allgemeines Gesetz werde.“

Autorenteam:
Ao. Univ.Prof. Dr. Siegfried Pöchtrager & DIin Julia Anna Jungmair, BA, BEd

Quellen
    BASIC – Bureau d‘Analyse Sociétale pour une Information Citoyenne (2015): Wer hat die Macht? Machtkonzentrationen und unlautere Handelspraktiken in landwirtschaftlichen Wertschöpfungsketten. 
    Beisheim, M. (2016): Die Umsetzung der VN-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung – Welche Signale Deutschland jetzt international setzen sollte, SWP-Aktuell, 19.Mai 2016. www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/aktuell/2016A10_bsh.pdf (13.10.2017). 
    BMLFUW – Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft (2016): Grüner Bericht 2016 – Bericht über die Situation der österreichischen Land- und Forstwirtschaft. Wien: Selbstverlag. 
    Chemnitz, Ch.; Luig, B.; Rehmer, Ch.; Benning, R. und Wiggerthale, M. (2017): Konzernatlas – Daten und Fakten über die Agrar- und Lebensmittelindustrie 2017. 1. Auflage, Paderborn: Bonifatius GmbH Druck – Buch – Verlag. 
    EvB – Erklärung von Bern (2014): Agropoly – wenige Konzerne beherrschen die weltweite Lebensmittelproduktion. Zürich: Selbstverlag.  
    FAO – Food and Agriculture Organization of the United States (2017): How close are we to #ZeroHunger? www.fao.org/state-of-food-security-nutrition/en (13.10.2017). 
    KPMG AG Wirtschaftsprüfungsanstalt (2012): Consumer Markets – Trends im Handel 2020. Hamburg: Selbstverlag. 
    KPMG AG Wirtschaftsprüfungsanstalt (2013): Consumer Markets – Die Zukunft des Einkaufens – Perspektiven für den Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland und der Schweiz. Hamburg: Selbstverlag. 
    LEL – Landesanstalt für Entwicklung der Landwirtschaft und der Ländlichen Räume (2016): Agrarmärkte 2016. Schwäbisch Gmünd: Selbstverlag. 
    Vereinte Nation Generalversammlung (2015): Transformation unserer Welt: die Agenda 2013 für nachhaltige Entwicklung. www.un.org/depts/german/gv-70/a70-I1.pdf (13.10.2017). 
 


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